Untersuchungen von Stereotypien am Beispiel von Nagen und Scharren bei Mongolischen Wüstenrennmäusen Meriones unguiculatus (MILNE EDWARDS, 1867)

Birgit Hünemörder, Diplomarbeit 1998
Betreuer: Prof. Dr. R. Gattermann und Dr. R. Weinandy, Institut für Zoologie der Martin-Luther-Universität zu Halle-Wittenberg

Die in den Steppen und Wüstenregionen Ostasiens lebenden Meriones unguiculatus sind stark motiviert, die Territoriumsabgrenzungen in Form lokomotorischer Aktivität und das Anlegen eines Baus durch Graben bzw. Scharren auszuführen. Die übliche T4-Standardkäfighaltung (L×B×H 55×33×20) in Laboratorien erlaubt den Tieren nicht, diese Motivationen zu befriedigen, folglich werden häufig Stereotypien gezeigt, die sich durch "Scharren in den Käfigecken" und "Nagen an den Gitterstäben" äußern.

In meiner Diplomarbeit untersuchte ich, ob und inwieweit sich diese Haltungsbedingungen in Standardhaltung belastend auf Verhalten, Morphometrie, Histologie und Endokrinologie der Mongolischen Wüstenrennmäuse auswirkte. Dabei wurden als ethologische Indikatoren die Stereotypien "Scharren" und "Nagen" und auf morphometrischer Ebene die Größen und Massen der Hoden, Nebenhoden und Nebennieren untersucht. Als histologische Parameter wurden die Zellkerne der Nebennierenrinde vermessen und es erfolgte auf endokrinologischer Ebene eine Bestimmung des Cortisontiters. Ziel der Studie war es, mögliche Belastungen der Tiere durch die Standardhaltung zu quantifizieren und nachfolgend durch Strukturanreicherungen, d.h., durch Enriched Environment, zu reduzieren.

8 weibliche und 8 männliche Tiere gingen in die Untersuchung ein. Der Beobachtungszeitraum betrug 32 Tage, die Tiere wurden in zwei Aktivitätszeiten jeweils 2 Stunden in 2 Durchgängen gefilmt. Jeweils 8 Tiere wurden in Standardhaltung in Makrolon Typ-4-Käfigen mit Streu, Futter und Wasser ad libitum gehalten. 8 weitere Tiere wurden im Enriched Environment mit einer Unterschlupfmöglichkeit (umgekehrter Makrolon Typ-1-Käfig, schwarz lackiert mit Einschlupfloch) und/oder einem Laufrad gehalten. Hier werden die Ergebnisse der Einzelhaltung in der Standardhaltung und im Enriched Environment angegeben.

Hinsichtlich des Beobachtungsparameters "Scharren" in Standardhaltung und im Enriched Environment (3,5 Minuten vs. 5,1 Minuten/2 h, Wilcoxon-Test) konnten keine Unterschiede festgestellt werden. Die Tiere nutzten die Unterschlupfmöglichkeit zu 39 % als Nest, zu 31 % als Urinat und zu 30 % als Vorratskammer.

Bei dem Beobachtungsparameter "Nagen" lag die Zeit bei 4,3 Minuten/2 h in der Standardhaltung, im Enriched Environment bei 0 Minuten/2 h (**p<0,01, Wilcoxon-Test). Die sonst zum Nagen an den Gitterstäben verbrachte Zeit von 4,3 Minuten/2 h leisteten wurde vermutlich nun im Laufrad mit 5,3 Minuten/2 h abgeleistet.

Die morphometrischen, histologischen und endokrinologischen Untersuchungen erbrachten in beiden Haltungsbedingungen keine unterschiedlichen Werte. Eine physiologische Belastung konnte nicht nachgewiesen werden.

Die Ergebnisse bestätigen die Untersuchungen von WIEDENMEYER (1997). Dieser konnte die Grabstereotypien durch Zugabe eines künstlichen Baus unterhalb des Makrolon Typ-4-Käfigs unterbinden, da dadurch die Motivation des Baugrabens befriedigt wurde. Die Zugabe einer Unterschlupfmöglichkeit (s.o.) unterbindet nicht das Scharren in den Käfigecken.

Die Motivation der lokomotorischen Aktivität konnte durch Zugabe eines Laufrades befriedigt werden, nachdem sie vorher durch Nagestereotypien abgeleistet wurden.

Inwieweit die Ausführung dieser Stereotypien als Coping von Belastungen im Versuchszeitraum zu werten ist, bleibt zu diskutieren, da nicht bekannt ist, ob die morphometrischen, histologischen und endokrinologischen Werte in einem längeren Versuchszeitraum erhöhte Werte aufweisen würden, d.h., ob später eine Streßbelastung nachweisbar wäre.

Da Mongolische Wüstenrennmäuse (Meriones unguiculatus) weltweit als Versuchstiere für biologische, medizinische und pharmakologische Experimente eingesetzt werden, sowie im Sinne tiergerechter Haltung, ist eine Haltung im Enriched Environment anzuraten.

Literatur:
WIEDENMAYER, C. (1997): Causation of the ontogenetic development of stereotypic digging in gerbils.
Animal Behavior, 53, S. 461-470